99,9999 Prozent – aber wer ist der Vater?

Shownotes

Ein Mädchen möchte gerichtlich feststellen lassen, wer ihr Vater ist. Nach einem ersten DNA-Gutachten steht nahezu sicher fest, dass einer der beiden eineiigen Zwillingsbrüder der Vater ist – doch mit einem klassischen Vaterschaftstest lassen sich die beiden genetisch nicht voneinander unterscheiden. Und als das Gericht versucht, die letzte offene Frage zu klären, stellt sich folgende Frage: Wie weit darf ein Gericht gehen, damit ein Mensch erfährt, von wem er abstammt?

Das erwartet euch:

  • Wie können selbst kleinste genetische Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen gefunden werden?
  • Welche Grundrechte sind bei einer Untersuchung des gesamten Genoms betroffen?
  • Welche Rechte und Pflichten können mit einer gerichtlichen Vaterschaftsfeststellung verbunden sein?
  • Warum stehen selbst Gutachterkosten von rund 60.000 Euro einer weiteren Aufklärung nicht grundsätzlich entgegen?

Hinweis: Die Namen haben wir geändert. Der Fall beruht auf einer veröffentlichten Entscheidung.

Quelle: OLG Oldenburg, Beschluss vom 14.01.2025 – 13 WF 93/24

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Musik: Harald Bauch von der Heyde, big [arts]

Transkript anzeigen

00:00:00: Was, wenn ein DNA-Test fast zweifelsfrei sagt?

00:00:03: Der Vater steht fest und trotzdem weiß niemand wer er ist.

00:00:07: Und als das Gericht versucht die letzte offene Frage zu klären stößt es an eine Grenze bei der plötzlich nicht mehr nur Genetik eine Rolle spielt sondern auch Grundrechte.

00:00:36: Willkommen bei Hinter der Robe der Justiz Podcast!

00:00:38: Mein Name ist Sascha ich bin Richter am Landgericht...

00:00:41: ...und mein Name ist Victoria.

00:00:42: Ich bin Rechtspflegerin.

00:00:44: Bevor wir in den Fall einsteigen habe ich wieder eine Frage an dich Sascha Bin

00:00:47: gespannt

00:00:48: Was wäre für dich eigentlich schlimmer, gar nicht zu wissen wer dein Vater ist oder zu wissen dass es nur zwei Männer sein können aber nicht welcher?

00:00:59: Ich glaube tatsächlich das zweite wenn die Antwort so nah ist und man trotzdem nicht dran kommt würde mich das wahrscheinlich wahnsinnig beschäftigen.

00:01:10: Wie sieht's bei dir aus?

00:01:12: Für mich wäre es schlimmer gar nichts zu wissen wie er mein Vater ist drauf an, ob ich einen Vater oder Ersatzpapper hatte der wirklich für mich da war, mich großgezogen und diese Rolle gelebt hat.

00:01:26: Ich glaube dann wäre es wahrscheinlich wichtiger wer tatsächlich mein Vater im Alltag war als wer es biologisch ist.

00:01:35: aber genauso gut kann ich natürlich verstehen wenn jemand dieses Bedürfnis ganz stark hat gerade wenn diese Vaterfigur vielleicht gefehlt hat oder wenn man einfach wissen möchte woher man kommt und manchmal geht das ja auch nicht nur um Identität oder Neugier, die eigene biologische Herkunft kann ja auch bei bestimmten ärblichen Erkrankungen eine echt große Rolle spielen.

00:01:57: Ja und genau da merkt man schon wie unterschiedliche Menschen das empfinden können.

00:02:01: Für den einen ist die biologisch herkunft ganz zentral und für den anderen ist Familie viel stärker dass was tatsächlich gelebt wurde.

00:02:09: ich

00:02:09: glaube deshalb dass man Das gar nicht für andere sagen kann, wie wichtig diese Antwort sein muss und genau deshalb ist unser heutiger Fall so spannend.

00:02:18: Denn rechtlich kann man eben nicht einfach sagen es doch egal wer der biologische Vater ist?

00:02:23: Für das Mädchen in unserem heutigen Fall ist genau diese Frage offenbar wichtig genug dass sie sie gerichtlich klären lassen will.

00:02:30: Dann leg mal mit dem Sachverhalt los.

00:02:33: Da ist ein Mädchen Mira die vor Gericht eigentlich nur eine einzige Sache wissen will Wer ist mein Vater?

00:02:41: Sie kennt den Mann, der dafür in Betracht kommt.

00:02:43: Er heißt Markus.

00:02:45: Ihre Mutter hatte ihn Jahre zuvor kennengelernt.

00:02:48: Damals arbeitete sie für eine Escort-Agentur und wurde mehrfach zu ihm nach Hause bestellt.

00:02:53: Es bleibt nicht bei einem treffen – es kommt zum Geschlechtsverkehr!

00:02:57: Irgendwann wird die Frau

00:02:58: schwanger.".

00:02:59: Jahre später sitzt ihre Tochter nun vor Gericht und will feststellen lassen, dass genau dieser Mann ihr Vater ist.

00:03:06: Eigentlich klingt das nach einem Fall den man mit einem DNA-Test lösen kann – nur sagt der Mann etwas, daß alles verändert!

00:03:13: Er bestreitet gar nicht mit der Mutter geschlafen zu haben….

00:03:16: er sagt nur «Ich war nicht der Einzige».

00:03:19: Denn bei diesem Treffen soll noch ein zweiter Mann dabei gewesen sein.

00:03:22: Sein Bruder Und nicht irgendein Bruda?

00:03:25: Sein eineiiger Zwillingsbruder.

00:03:28: Auch der, so behauptet der Mann, habe mit der Frau geschlafen.

00:03:32: Plötzlich gibt es also zwei mögliche Väter!

00:03:35: Das Gericht hört die Mutter an – Es hört Markus an.

00:03:38: Auch der Bruder wird als Zeuge vernommen.

00:03:41: Sogar der frühere Arbeitgeber der Mutter wird befragt.

00:03:44: Aber am Ende bleibt die entscheidende Frage offen.

00:03:47: Also soll die DNA Klarheit bringen?

00:03:50: Untersucht werden die Tochter ihre Mutter und beide Brüder.

00:03:54: Und dann kommt das Ergebnis….

00:03:56: Mit einer Wahrscheinlichkeit von neunundneunzigkommen neunneunneuenneun Prozent ist einer dieser beiden Männer der Vater.

00:04:02: Nur welcher?

00:04:04: Das kann das Gutachten nicht sagen, denn bei den Untersuchten DNA-Merkmalen sind die beiden Brüder genetisch nicht voneinander zu unterscheiden.

00:04:12: Mira weiß jetzt also beinahe sicher, dass ihr Vater einer dieser zwei Männern ist – aber sie weiß immer noch nicht welcher!

00:04:19: Und dann bringt ein Sachverständiger eine Methode ins Spiel, mit der man möglicherweise selbst uneiige Zwillinge noch voneinander unterscheiden kann.

00:04:27: Dafür müsste man allerdings sehr viel tiefer in das Ergut hineinsehen als bei einem normalen Vaterschaftstest.

00:04:33: Die Untersuchung kostet rund sechzigtausend Euro.

00:04:36: Das Gericht will sie durchführen lassen – doch Markus sagt nein!

00:04:40: Er will nicht dass sein gesamtes Genom untersucht wird….

00:04:43: Und plötzlich geht es nicht mehr nur darum, wer der Vater ist sondern darum wie weit ein Gericht gehen darf damit einen Mensch erfährt von wem er abstammt.

00:04:52: Ja bevor wir uns anschauen was an dieser Untersuchung so besonders ist müssten wir erst einmal klären wie ein ganz normaler Vaterschaftstest überhaupt funktioniert denn normalerweise lässt sich die Frage nach der Vatersschaft mit einer DNA-Untersuchung ja ziemlich eindeutig beantworten.

00:05:08: Sascha was wird dabei eigentlich genau verglichen?

00:05:11: Vereinfacht gesagt schaut man sich bei einem normalen Vaterschaftstest bestimmte Stellen in der DNA an.

00:05:17: Ein Kind bekommt ungefähr die Hälfte seines Erbguts von der Mutter und die andere Hälfe vom Vater.

00:05:22: Man untersucht deshalb bestimmte genetische Merkmale beim Kind, bei der Mutter oder dem möglichen Vater und schaut lassen sich die Merkmalen des Kindes den nicht von der Mütter stammen bei diesem Mann wiederfinden!

00:05:37: Dabei werden nicht einfach zwei komplette Genome miteinander verglichen, sondern ausgewählte Bereiche die sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden.

00:05:45: Und weil die Kombination dieser Merkmale bei nahezu jedem Menschen einzigartig ist lässt sich die Vaterschaft normalerweise mit einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit feststellen oder eben ausschließen

00:05:56: Und genau dieses Verfahren wurde auch in unserem Fall angewendet, nur schießt man hier eben auf ein Problem das bei einem gewöhnlichen Vaterschaftstest praktisch nicht vorkommt.

00:06:05: Denn die beiden möglichen Väter sind uneigige Zwillinge und uneigigen Zwillingen entstehen aus derselben befruchteten Eizelle.

00:06:13: Sie haben deshalb im Ausgangspunkt praktisch dasselbe Erbgut.

00:06:17: Das normale Gutachten hat Zweiundzwanzig bestimmte DNA-Bereiche untersucht, die man beim klassischen Vaterschachtstest miteinander vergleicht Und an all diesen Stellen hatten die beiden Brüder dasselbe genetische Profil.

00:06:31: Das bedeutet, einer dieser beiden Männer ist mit einer Wahrscheinlichkeit von neunundneunzig, aber welcher von beiden?

00:06:40: Sascha wie kann man den zwei Menschen genetisch auseinanderhalten wenn ein normaler DNA-Test gerade keinen Unterschied findet?

00:06:48: Ja dafür muss man deutlich genauer hinschauen!

00:06:50: Bei der hier vorgeschlagenen Methode, das ist die sogenannte Ultra Deep Next Generation Sequencing werden nicht nur einige ausgewählte Bereiche der DNA sondern die komplette DNA durch Sequenzierung untersucht.

00:07:04: Der Gedanke dahinter ist eigentlich ziemlich einfach – auch einigere Zwillinge beginnen zwar mit nahezu identischer DNA aber während ihrer embryonal Entwicklung teilen sich ihre Zellen immer wieder und bei diesen Zellteilungen können ganz zufällig winzige Veränderungen im Erbgut entstehen, sogenannte Mutationen.

00:07:24: Eine solche Veränderung kann nur bei einem der beiden Zwillinge auftreten!

00:07:28: Wenn man nun bei einem Bruder eine solche besondere Veränderungsveränderung findet und genau dieselbe VeränderUNG auch beim Kind nachweisen kann hat man gewissermaßen einen genetischen Fingerzeug darauf dass dieser Bruder der Vater sein muss.

00:07:41: Man sucht also nicht mehr nach den groben Unterschieden, die für einen normalen Vaterschaftstest ausreichen.

00:07:47: Man sucht nach den winzigsten Abweichungen zwischen zwei Menschen, die auf den ersten Blick genetisch nahezu identisch

00:07:54: sind.".

00:07:55: Und wie erfolgsversprechend ist dieses Verfahren dann überhaupt?

00:07:58: Nach dem damaligen Stand, also Anfang twenty-fünfundzwanzig das war der Zeitpunkt der Entscheidung, war die Methode durchaus erfolgsversprechend.

00:08:06: Sie war nicht nur ein theoretischer Ansatz sondern bereits in insgesamt fünf gerichtlichen Verfahren erfolgreich eingesetzt worden – viermal in Deutschland und einmal in den USA.

00:08:18: Eine Garantie gilt es trotzdem nichts!

00:08:20: Denn die Methode lebt ja gerade davon, dass sich bei einem der einigen Zwillinge irgendwann winzige genetische Veränderungen gebildet haben.

00:08:28: Die beim anderen nicht vorhanden sind!

00:08:30: Und genau solche Mutationen entstehen eben nicht zwangsläufig in jedem Fall an der entscheidenden Stelle und im passenden Entwicklungsstadium.

00:08:39: Man kann also sagen... ...die Methode kann funktionieren?

00:08:42: Und hat bereits auch funktioniert?

00:08:44: Aber man weiß vorher nicht sicher ob sie auch in diesem konkreten Fall den entscheidenden Unterschied findet.

00:08:51: Das bedeutet, dass die Untersuchung am Ende trotzdem ohne Ergebnis bleiben kann?

00:08:55: Ja genau das bedeutet es leider!

00:08:58: Und genau dieser Punkt ist spannend weil die Gerichte über eine solche Untersuchungen nicht immer gleich gedacht haben.

00:09:04: vor gut zehn Jahren war die Wissenschaft nämlich noch an einem ganz anderen Punkt.

00:09:08: Ja, so ist es.

00:09:09: Das Oberlandesgericht Zelle hatte im Jahr zwei Tausend Dreizehn einen sehr ähnlichen Fall zu entscheiden.

00:09:16: auch damals ging es um die Frage ob man einigige Zwillinge durch eine weitergehende genetische Untersuchung voneinander unterscheiden kann.

00:09:24: das Problem war nur für genau diese Konstellation war die Methode damals praktisch noch nicht erprobt.

00:09:31: Die Sachverständigen sprachen im Grunde noch von Grundlagenforschung.

00:09:38: Man wollte erst untersuchen, ob und wie sich solche Unterschiede bei einigen Zwillingen überhaupt zuverlässig nachweisen lassen?

00:09:46: Und deshalb hat das Oberlandesgericht Selle damals gesagt dass Betroffene nicht zu einer Untersuchung verpflichtet werden können die im konkreten Anwendungsfall noch weitestgehend theoretisch ist und letztlich auch dazu dienen würde überhaupt erst wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

00:10:04: Das erscheinen ist also nicht unbedingt die rechtliche Ausgangsfrage hat sich verändert, sondern der Stand der Wissenschaft.

00:10:12: Denn schon ein Jahr später – also im Jahre den Festschnellungen wurde nach den Feststellungen im späteren Verfahren erstmals einen Test speziell zur Unterscheidung ein eigener Zwilling entwickelt und bis Anfang des Jahres war diese Methode bereits mehrfach erfolgreich in verschiedenen Gerichtlichen Verfahren eingesetzt worden Was für ein Grundlagenforschung war, weil es im Jahr auch so weit entwickelt ist, dass es inzwischen ein grundsätzlich geeignetes Beweismittel gibt.

00:10:41: Und genau an diesem Punkt wird aus der genetischen Frage eine rechtliche.

00:10:45: Denn technisch gibt es jetzt offenbar eine Möglichkeit, die beiden Zwillinge doch noch voneinander zu unterscheiden.

00:10:52: aber nur weil etwas medizinisch oder wissenschaftlich möglich ist heißt das ja noch lange nicht dass ein Gericht es auch anordnen darf denn eine so weitgehende Untersuchung der eigenen DNA berührt ganz persönliche Rechte.

00:11:06: also Wie weit darf die Aufklärung der Abstammung gehen, wenn der Betroffene selbst diese Untersuchung gar nicht möchte?

00:11:12: Entscheidend ist am Ende immer eine Abwägung im konkreten Einzelfall.

00:11:17: Man muss sich also fragen – welche Rechte werden durch die Untersuchungen beeinträchtigt?

00:11:22: Wie schwer wiegt dieser Eingriff und wie gewichtig es auf der anderen Seite des Interesses des Kindes seine Abstammungen zu klären?

00:11:29: Dann fangen wir bei Markus an….

00:11:31: Welche Rechte sind bei ihm durch diese Untersuchtung überhaupt betroffen und wie schwer wiegen sie?

00:11:36: Wenn wir uns zuerst seine Seite anschauen, dann ist da zum einen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit.

00:11:42: Das sind natürlich Betroffenen weil ihm gegen seinen Willen eine Probe abverlangt wird.

00:11:46: Der Eingriff ist hier aber eher als gering einzustufen.

00:11:50: Wie wird der Test denn durchgeführt?

00:11:51: Also für einen normalen Vaterschaftstest benötigt man ja eine Speichelprobe.

00:11:57: Wird hier irgendwie mehr verlangt?

00:11:59: Nein, also auch für diesen besonderen Test wird nur eine Speichelprobe benötigt.

00:12:03: Also wie gesagt der Eingriff ist gering, ganz salopp gesagt Mund auf, Stäbchen rein und das war's!

00:12:09: Und hat Markus noch weitere Rechte die berücksichtigt werden müssen?

00:12:12: Ja, also viel gewichtiger als ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder es bei dieser besonderen Untersuchungsmethode tatsächlich einen erheblichen Punkt denn diesmal untersucht man eben nicht nur ausgewählte Stellen der DNA sondern die komplette DNA Also nicht nur die nicht codierenden, sondern auch die codierende DNA-Bestandteile.

00:12:35: Und in unserem Genom stecken natürlich auch Informationen mit der Vaterschaft rein gar nichts zu tun haben – etwa über bestimmte körperliche Eigenschaften oder auch gesundheitliche Veranlagungen.

00:12:48: Das ist so das Gericht ein erheblicher Eingriff!

00:12:52: Gleichwohl, dieser Eingriff wird dadurch deutlich begrenzt, dass man mit diesen Daten nicht frei umgehen darf.

00:12:59: Die Untersuchung ist ganz streng auf einen einzigen Zweck beschränkt – die Klärung der Abstammungen!

00:13:04: Es dürfen daraus keine Aussagen über etwaige Krankheiten oder körperliche Merkmale gemacht werden.

00:13:12: Die Probe darf auch nicht für sonstige Zwecke aufgehoben oder später noch einmal anderweitig ausgewertet.

00:13:19: Sobald sie für die Abstammungsfrage nicht mehr gebraucht wird, muss sie vernichtet werden und selbst diese Vernichtung muss dokumentiert werden.

00:13:27: Das heißt das Gericht nimmt die Sensibilität einer solchen Genomuntersuchung durchaus ernst.

00:13:34: es sagt aber gleichzeitig dass der Eingriff durch diese eng gesetzlichen Grenzen erheblich eingelegt.

00:13:42: Es geht eben nicht nur darum, das genetische Profil eines Menschen vollständig offen zu legen.

00:13:47: Sondern ganz gezielt – nur um die eine Frage ist er, also Markus der Vater oder eben

00:13:53: nicht.".

00:14:05: Hatten zwar eine Speichelprobe abgegeben und waren damit grundsätzlich bereit, an der Abstimmungsklärung mitzuwirken.

00:14:11: Aber ich denke mir wenn man ungeschützten Geschlechtsverkehr hat dann gehört für mich eben auch dazu dass daraus ein Kind entstehen kann.

00:14:20: Wenn dieses Kind später wissen möchte wer sein Vater ist finde ich es deshalb persönlich schwierig zu sagen ja bis hierhin mache ich mit aber jetzt wo's genauer werden müsste dann eben nicht mehr.

00:14:31: Natürlich verstehe ich, dass eine Untersuchung des gesamten Genomes etwas ganz anderes ist als ein normaler Förderschaftstest.

00:14:37: aber wenn die Daten wirklich nur für diese eine Frage verwendet werden dürfen und danach vernichtet werden müssen, denn empfinde ich den Eingriff hier persönlich trotzdem eher niedrigschwellig jedenfalls im Verhältnis zu dem worum es für das Kind

00:14:52: geht.".

00:14:53: Ich finde es gut, dass du diesen Punkt ansprichst, denn genau diesem Punkt hat Markus im Verfahren auch aufgegriffen aber eben nur etwas anders argumentiert, für eine sehr sportlich argumentierte.

00:15:03: Er meinte nämlich dass die Mutter damals als Escort-Dame gearbeitet und er für ihre sexuellen Dienstleistungen bezahlt hat.

00:15:11: Aus seiner Sicht gehörte es deshalb zu ihren vertraglichen Nebenpflichten eine Schwangerschaft zu verhindern.

00:15:18: Sinn gemäß also wenn sie trotzdem schwanger geworden ist dann ist das nicht mein Verantwortungsbereich.

00:15:25: Da sind wir jetzt an einem Punkt angekommen, an dem ich kurz einmal meinen Unmut über diese Argumentation durch einen lauten Schrei Ausdruck verleihen möchte.

00:15:34: Aber ich halte mich mal

00:15:35: zurück!

00:15:39: Ich finde es wirklich bemerkenswert wie stark er damit die Verantwortung für die Verhütung auf Miras Mutter verlagert, anstatt sich auch an die eigene Nase zu packen.

00:15:49: Wenn du auf keinen Fall ein Kind möchtest, dann ist Verhütung vielleicht auch ein Thema um das du dich selbst mal kümmern solltest?

00:15:56: Ja der Einwand ist sehr interessant und auch richtig!

00:15:59: Wie du schon gesagt hast.

00:16:00: er versucht die Verantwortung für das Schwangerschaftsrisiko sehr stark beziehungsweise gänzlich auf mir ihres Mutter zu verlagern.

00:16:09: nur ändert es an der eigentlichen Situation wenig Wenn zwei Menschen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, dann besteht eben das Risiko einer Schwangerschaft.

00:16:18: Und wer dieses Risiko unbedingt ausschließen möchte kann sich nicht ohne weiteres darauf zurückziehen – der andere werde schon dafür Sorge tragen!

00:16:25: Vor allem aber – und jetzt sind wir beim Rechtlichen wieder – kann eine mögliche Absprache zwischen den Erwachsenen nichts zu lassen des Kindes gehen.

00:16:33: Selbst wenn es damals irgendwelche Absprachen zur Verhütung gegeben haben sollte ändert das nichts daran dass dieses Kind heute existiert oder ein eigenes Interesse daran hat, zu erfahren von wem es abstand.

00:16:46: Es ist ein ganz wichtiger Punkt der auch nicht aus dem Fokus geraten darf.

00:16:50: Ansonsten würde man damit auch zum Ausdruck bringen das Kind wäre hier ein Schaden was aus der Verletzung einer vertraglichen Nebenpflicht resultiert und das kann ich richtig sein.

00:17:04: Ja, das

00:17:20: spielt eine Rolle.

00:17:21: Das Bundesverfassungsgericht unterscheidet bei solchen Fällen nämlich danach, ob jemand tatsächlich der leibliche Vater ist oder einen völlig außenstehenden Menschen zu einer Abstammungsuntersuchung zwingt.

00:17:35: Bei dem leiblichen Elternteil ist die Situation aber eine andere, Vater und Mutter haben die Existenz des Kindes mit Vorsacht.

00:17:42: Deshalb müssten ihre Interessen daran bestimmte Dinge für sich zu behalten grundsätzlich eher hinter den Interessen des Kindens an der Klärung seiner Abstammung zurücktreten.

00:17:53: Bei einem Außenstehnenden geht das gerade nicht – das Problem ist nur bevor man überhaupt die Untersuchungen durchführt!

00:18:00: weiß man ja möglicherweise noch gar nicht, zu welcher Gruppe der Betroffene gehört.

00:18:04: Vielleicht ist er tatsächlich der Vater?

00:18:06: Vielleicht aber auch nichts!

00:18:08: Und wenn ich sein gesamtes Genom einmal untersucht habe kann ich diesen Eingriff hinterher nicht ungeschehen machen.

00:18:15: Genau deshalb muss das Gericht hier ganz besonders hinschauen.

00:18:18: Nur ist unser Fall in einem Punkt anders als viele andere Vaterschaftsfälle denn wir wissen bereits einer dieser beiden Zwillinge Und jetzt haben wir uns ja Markus' Recht einmal angeschaut.

00:18:30: Auf der anderen Seite steht noch das Recht von Mira auf Aufklärung ihrer eigenen Abstammungen und das klingt erst einmal sehr abstrakt, aber dahinter steckt etwas sehr Persönliches die Frage woher man kommt und zu wem man biologisch gehört.

00:18:45: Warum ist das recht dieser Frage eigentlich so ein großes Gewicht bei?

00:18:49: Was kann es mit einem Menschen machen wenn Informationen über die eigene Abstammung vorhanden wären trotzdem nicht bekommt.

00:18:58: Die Frage, ob ein Mensch erfahren kann von wem er abstammt gehört zum Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts.

00:19:05: Da einfach gesagt schützt dieses Grundrecht also auch dafür dass einem verfügbare Informationen über die eigene Herkunft vorenthalten werden und der Grund dafür ist eigentlich sehr menschlich.

00:19:18: zu wissen woher man kommt und von wemen man abstammt kann für die Entwicklung und die eigene Identität eine ganz zentrale Bedeutung haben.

00:19:27: Es kann beeinflussen, wie man sie selbst sieht – wie man sich innerhalb einer Familie einordnet und welche Beziehungen man zu anderen Menschen aufbaut.

00:19:36: Umgekehrt kann es einen Menschen erheblich belasten und auch verunsichern wenn diese Frage dauerhaft offen bleibt, obwohl es grundsätzlich eine Möglichkeit gäbe sie zu klären.

00:19:47: Deshalb sagt das Bundesverfassungsgericht muss bei solchen Verfahren dafür Sorge tragen, dass dieses Interesse an der eigenen Herkunft angemessen berücksichtigt wird.

00:19:58: Es geht also nicht bloß um Neugier, es geht um einen Teil der eigenen Identität und des eigenen

00:20:03: Selbstverständnisses.".

00:20:05: Jetzt könnte man natürlich fragen wenn dieses Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung so wichtig ist kann ein Kind dann eigentlich von jedem Mann den es für seinen möglichen Vater hält einfach verlangen das seine Abstammungen geklärt wird?

00:20:19: Dann zu weit geht das Gesetz natürlich nichts.

00:20:21: Ein Kind kann nicht gegenüber jedem beliebigen Mann einfach nur feststellen lassen, bist du biologisch mein Vater oder nicht?

00:20:28: Aber wenn ein Mann als möglicher leiblicher Vater einen Betracht kommt gibt es das gerichtliche Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft und das hat eine viel größere Bedeutung als nur die bloße biologische Antwort auf die Frage von wem stammt das Kind ab?

00:20:44: denn wenn das Gericht die Vatersschaft feststellt ist dieser Mann anschließend auch rechtlich der Vater.

00:20:50: Damit können ganz konkrete Rechte und Pflichten verbunden sein, zum Beispiel Unterhaltspflichten, erbrechtliche Folgen oder auch familienrechtliche Beziehungen zwischen Vater und Kind.

00:21:01: Es geht also nicht nur um Wissen über die eigene Herkunft.

00:21:05: es kann zugleich darum gehen ob zwischen zwei Menschen überhaupt ein rechtliches Eltern-Kindverhältnis entsteht.

00:21:12: Und genau deshalb ist die gerichtliche Klärung der Vaterschaft etwas anderes als ein ja bloßer privater DNA-Test.

00:21:21: Und wie wirkt sich das auf die Abwägung aus, also zwischen den Grundrechten der beiden Männer und Miras Recht, die eigene Abstammung zu kennen?

00:21:29: Ja da bereits gut achterlich feststeht dass einer dieser beiden Brüder der leibliche Vater ist bekommt Miras Interesse an der weiteren Aufklärung noch einmal zusätzliches Gewicht.

00:21:39: hinzukommt, dass sie Unsicherheit darüber welcher der beiden Bruder der Vater zufällig von außen entstanden ist.

00:21:47: Nach dem Sachverhalten haben beide Brüder die Mutter gemeinsam bestellt und nacheinander mit ihr geschlafen, diese Unklarheit stammt aus ihrer eigenen Sphäre.

00:21:57: Natürlich bedeutet das nicht dass ihre Grundrechte dadurch weniger gelten aber bei der Gesamtabwägung darf berücksichtigt werden wer die Situation geschaffen hat und wer mit ihren Folgen leben muss die diese Situation nicht verursacht hat, aber bis heute nicht weiß welcher der beiden Männer ihr Vater ist.

00:22:20: Deshalb sagt das Gericht am Ende auch?

00:22:22: In diesem ganz konkreten Fall überwiegt das Interesse des Kindes an der Klärung seiner Abstammung – die Weiteruntersuchung muss also geduldet

00:22:31: werden.".

00:22:42: Wer zahlt so etwas am Ende eigentlich?

00:22:45: Ja, das steht tatsächlich nicht von vornherein fest.

00:22:48: Über die Kosten entscheidet das Gericht am Ende danach was unter Berücksichtigung des gesamten Verfahrens angemessen ist und bei diesen sechzigtausend Euro würde es deshalb wahrscheinlich auch nicht einfach heißen einerzeit alles der andere nichts.

00:23:03: wird Markus zum Beispiel tatsächlich als Vater festgestellt spricht natürlich einiges dafür dass er einen erheblichen Teil der Kosten tragen muss.

00:23:13: Aber selbst dann wäre es nicht zwingend angemessen, ihm allein deshalb weil er im Verfahren unterliegt die kompletten Kosten aufzuerlegen.

00:23:21: Denn es gab ja auch gerade konkrete Anhaltspunkte dafür dass auch sein Zwillingsbruder als Vater in Betracht kamen.

00:23:29: und selbst wenn sich am Ende herausstellt das Markus nicht der Vater ist bedeutet das nicht automatisch dass die Kostenfrage für ihn vollständig erledigt ist.

00:23:38: Auch dann kann das Gericht berücksichtigen wie diese außergewöhnliche Beweislage überhaupt entstanden ist und die Kosten entsprechend verteilen.

00:23:47: Was man also ziemlich sicher sagen kann, bei einem Gutachten über sechzigtausend Euro ist die Kostenfrage selbst noch einmal ein eigener großer Punkt – sie ist aber für das Gericht keinen Grund dem Kind die weitere Aufklärung seiner Abstammungen von vornherein zu verwehren, denn dabei geht es eben nicht nur um mögliche Unterhaltsansprüche sondern auch um die eigene Herkunft und damit um einen Teil der eigenen Identität.

00:24:12: Und ich finde, genau daran merkt man auch noch einmal welches Gewicht diese Frage rechtlich bekommt – und damit sind wir am Ende unseres heutigen Falls.

00:24:21: ein Fall bei dem wissenschaftlicher Fortschritt plötzlich eine Antwort ermöglicht, die Jahre zuvor noch kaum denkbar gewesen wäre und bei dem das Gericht am Ende abwägen muss wie weit man gehen darf, damit ein Mensch erfährt von wem er abstammt.

00:24:36: Und damit geben wir die Frage, die wir uns ganz am Anfang gestellt haben jetzt an euch weiter.

00:24:41: Was wäre für euch schlimmer?

00:24:43: Gar nicht zu wissen wer euer Vater ist oder zu wissen dass es nur zwei Männer sein können aber nicht welcher.

00:24:50: Schreibt uns eure Meinung gerne bei Instagram.

00:24:52: dort findet ihr uns unter hinter der Robe.

00:24:54: Ja und vielen Dank das Sie wieder dabei wart!

00:24:57: Wenn Euch die Folge gefallen hat freuen wir uns über eine fünf Sterne Bewertung

00:25:01: Und wir freuen uns, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.

00:25:03: Beim nächsten Fall, beim nächsten Blick hinter die Robbe!

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